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Sunday, 21. December 2014
fi-Ligatur
Ligaturersetzung am Beispiel der Libertine Display: Häufigste Ligatur neben der ff-Ligatur ist im Deutschen diese aus einem f und i gebildete Ligatur
Abb. 1: Kapitälchen
Abb. 2: Ligaturen
Abb. 3: Brüche
Abb. 4: Ziffernsätze
Kerning
Abb. 5: Stilsätze
Abb. 6: Wortendeformen
Abb. 7: Hoch- und Tiefgestellte
Abb. 8: Kontextabhängige Ersetzung
Abb. 9: Alternative Zeichen anzeigen

„OpenType“ ist das neue Zauberwort in der digitalen Typographie. Microsoft und Adobe haben zusammen einen Standard erarbeitet, der weit über die einfachen Möglichkeiten der reinen Darstellung und Aneinanderreihung von Buchstaben hinausgeht. Wir können hier keinen Gesamtüberblick aller Funktionen bieten. Dazu sei auf folgende OpenType-Infoseiten verwiesen: Wikipedia und Adobe.
Jedoch wollen wir hier diejenigen Funktionen anführen, welche wir LinuxLibertine beigebracht haben und die für potente Gestalter interessant sein dürften. Die Funktionen werden der OpenType-Spezifikation gemäß in Tabellen geführt und derernach wollen wir sie hier erläutern. Leider ist die Unterstützung von OpenType-Eigenschaften in Endanwenderprogrammen zur Zeit recht begrenzt. Es gibt jedoch eine vielversprechende Anwendung mit voller OpenType-Unterstützung, den Tex/LaTex-Compiler XeTex. Eine Anleitung für Libertine mit XeTex finden Sie hier: Libertine-XeTex-DE.pdf.

Kapitälchen – Tabellen smpc & c2sc

Jeder Schnitt (Stil) der LinuxLibertine enthält sogenannte Kapitälchen. Das sind verkleinerte Großbuchstaben, die gut für Titelzeilen und andere Auszeichnungen verwendet werden können. Mit den beiden Tabellen smcp (Gemeine -> Kapitälchen) und c2sc (Versalien -> Kapitälchen) wird die optionale, automatische Ersetzung geregelt.

Ligaturen – Tabellen liga, dlig & hlig

Diese Tabellen regeln die Ersetzung von Zeichengruppen, für die eine Ligatur vorhanden ist. Bei der liga-Tabelle sind das Standardligaturen, wie z. B. ff, fi, fl...
Bei der hlig-Tabelle sind es historische, heute nicht mehr verwendete Ligaturen: st und ct.
Bei der dlig-Tabelle sind es nützliche aber nicht notwendige Ligaturen, wie z. B. Qu und tz.

Brüche – Tabelle frac

LinuxLibertine enthält viele echte gängige Brüche (nach der Form „¼“). Feste Brüche gibt es mit dem Nenner auf zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben und acht. Andere, wie z. B. 1/10 werden durch einen Ansatz „1/“ plus tiefgestellte 10 erreicht. Die frac-Tabelle sorgt dafür, dass nach ASCII-Eingabe von z. B. 1/2, diese durch den Bruch „½“ ersetzt wird.

Unterschneidung (Kerning)

Fast jeder Font enthalten Kerning-Informationen. Es ist jedoch jeder Schriftschmiede überlassen wie viele Kernpaare sie anlegt. Nach alter Manier wurden immer Zeichenpaare definiert z. B. Ve oder Tu und für jedes Paar ein Unterschneidungswert festgelegt.Diese Methode wurde bei OpenType durch einen eleganteren Ansatz ersetzt: Gruppenweises Kerning mittels GPOS-Tabellen. Hier werden Gruppen formverwandter Zeichen definiert. Zwischen diesen Gruppen wird der Unterschneidungswert festgelegt. So ist zum Beispiel der Unterschneidungswert zwischen Ve und Wo meistens identisch. Man bildet daher eine Gruppe mit W und V und eine mit e und o.

Dieser Ansatz ist eleganter als der alte von Type1 und TTF. Denn Fonts mit mehr als 2000 Zeichen kommen sehr schnell auf zigtausende von Kerning-Paaren. LinuxLibertine nutzt GPOS-Kerning und verfügt so über eine Menge sinnvoller Kerning-Definitionen in kompakter Form. Leider gibt es jedoch noch so manche Software, die nur das alte TTF-Kerning versteht. Unter anderem sind dies:

  • OpenOffice / LibreOffice (bitte stimmt für diesen Bug)
  • Scribus
  • Papyrus
  • Microsoft Office (Office XP und älter)

Programme mit Unterstützung von OpenType-Kerning:

  • XeLaTex
  • Inkscape
  • Illustrator
  • Indesign
  • Microsoft Office 2010 (und jünger)

Ziffernsätze – Tabellen pnum, tnum, onum & zero

LinuxLibertine enthält verschiedene Ziffernsätze. Die gängigste ist der tnum-Satz, der auch standardmäßig verwendet wird (Bild: 1. Zeile). Es sind sog. „Tabellenziffern“, die alle gleichhoch und gleichbreit sind. Daneben ist aber auch derselbe Ziffernstil auch als proportionale Reihe enthalten (pnum, Bild: 2. Zeile), d. h. dass die Ziffern unterschiedliche Kegelbreiten aufweisen. Die 1 ist schmaler angelegt als z. B. die 8. Das sieht praktisch immer besser aus, bloß stehen z.B. in Tabellenspalten die Ziffern eben nicht direkt untereinander. In Fließtexten werden gerne Mediävalziffern (besser Minuskelziffern) verwendet, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Höhen im Text weniger hervorstechen. Auch dieser Ziffernsatz ist als Tabellensatz mit immer gleicher Breite (Bild: Zeile 3, schmale Null wegen schmalen Kegels) und als Proportionalsatz mit unterschiedlicher Breite (Bild: Zeile 4) vorhanden.
Wenn Groß- und Kleinbuchstaben sowie Ziffern vermischt werden (wie z. B. in Internetadressen), kann es zu Verwechselungen zwischen O (Oh) und 0 (Null) kommen. Deshalb enthält LinuxLibertine zwei (diagonal) gestrichene Nullen – eine proportionale und eine tabellare. Die zero-Tabelle regelt die automatische Ersetzung der normalen durch die gestrichene Null.

Stilsätze – Tabellen ssXX

Diese Tabellen enthalten eine Übersicht der stilistischen Alternativen (salt) bzw. einen bestimmten Satz davon (ssXX). Beispielsweise enthält LinuxLibertine eine deutsche Variante der Majuskelumlaute Ä, Ö und Ü, bei denen die Punkte dem Zeichen angeglichen und in den Kegel eingebracht sind. Diese sind seit der Version 2.6 Standardzeichen. Für diejenigen, die diese Zeichen nicht als dt. Umlaute, sondern als betonte Vokale verwenden wollen (wie z. B. Ë) gibt es den ss01. Der Stilsatz ss02 verwendet teilweise geschwungenere Varianten von Großbuchstaben, z.Z. von K und R. Über die salt-Tabelle sind praktisch alle Zeichen-Varianten anwählbar, müssen aber einzeln ausgewählt werden. Als Beispiel kann man hier das große Eszett anführen, dass in der Libertine automatisch beim Kapitälchensatz verwendet wird. Wem das nicht gefällt, kann einstellen, dass es durch ein ss ersetzt wird. Für die Schweizer kann man aber auch das ss03 verwenden, welches alle Eszetts in SS/ss verwandelt.

Wortendeformen – Tabelle fina

Es gibt in manchen Zeichensätzen besondere Zeichen für’s Wortende. Im Deutschen wurde beispielsweise lange Zeit das ss am Wortende immer durch ß ersetzt. Im Griechischen gibt es ein besonderes Sigma für das Wortende. Diese fina-Tabelle sorgt dafür, dass das Innerwortsigma am Wortende automatisch gegen ein Wortende-Sigma ausgetauscht wird. Weil die griechische Tastatur über beide Zeichen verfügt, gilt die Ersetzungstabelle für alle Sprachen außer Griechisch.

Hoch- und Tiefgestellte – Tabellen sups und sinf

Für viele wissenschaftliche oder ingenieurstechnische Publikationen werden Hoch- (sups) und Tiefgestellte (sinf) benötigt. LinuxLibertine enthält alle Ziffern sowie das gesamte einfache lateinische Alphabet (in Kleinbuchstaben) als Hoch- und Tiefgestellte. Dazu noch Plus- und Minuszeichen und weiteres. Im Gegensatz zu den computertechnisch simulierten Hoch- und Tiefstellungen, welche beispielsweise „Word“ durch einfache Verkleinerung und Verschiebung der Zeichen erzeugt (hier: rot dargestellt), passt die Schwere der originalen Libertine-Zeichen zum Schriftbild und ist nicht zu leicht (grün)!

Kontextabhängige Ersetzung – Tabellen ccmp

Die Tabelle für kontextabhängige Ersetzung (ccmp) erlaubt es, bei einer bestimmten Zeichenfolge Buchstaben auszutauschen. Dies ist im lateinischen Alphabeth besonders beim Minuskel-f sinnvoll. Der lange überbordende Hals, der charakteristisch für den Buchstaben ist, kollidiert mit Buchstaben, die linkslastig sind, z.B. dem Fragezeichen oder akzentuierten Minuskeln. Typische Beispiele sind rechts aufgezeigt (rot). Die Libertine umfasst daher neben dem normalen f auch ein solches mit „kurzem“ Hals. Bei einer problematischen Zeichenfolge wird es stattdessen eingesetzt und eine Kollision vermieden (grün). Eine weitere Anwendung der ccmp-Tabelle besteht bei der manuellen Akzentuierung von Buchstaben. Wird beispielsweise der vertikale Strichakzent mit einem i kombiniert, kommt es zu einem Zusammenlaufen mit dem i-Punkt. Die kontextabhängige Ersetzung tauscht in einem solchen Falle das i gegen ein punktloses ı aus.

Alle Alternativen anzeigen – Tabelle aalt

„aalt“ steht für „alle Alternativen anzeigen“, diese Tabelle enthält also alle möglichen verwandten Buchstabenformen. So sind z. B. für „a“ auch das hoch- und tiefgestellte a, das entsprechende Kapitälchen sowie eine weitere Alternativform für das Kapitälchen enthalten.

Zum Abschluss muss gesagt werden, dass leider die meisten Programme (auch im proprietären Bereich) noch keine OpenType-Unterstützung aufweisen – und wenn doch, dann meist nur rudimentär. Jedoch sehen wir dieses Problem ambivalent: Fehlen nämlich die OpenType-Schriften, kommt auch nicht die Software dazu und vice versa. Offensichtlich gibt es aber folgende Bemühungen in der freien Softwarewelt:
XeTex (siehe oben)
Die Scribus-Entwickler arbeiten an einer breiteren Unterstützung. Auf der OpenOffice-Webseite gibt es nun erste Ansätze OTFs zu unterstützen. Der Gimp macht schon eine automatische Ligaturersetzung, jedoch scheitert komplexe OpenType-Unterstützung offensichtlich an fehlenden Implementierungen in der Pango-Bibliothek.
Unter Windows und auf dem Mac unterstützt zumindest Adobe Indesign alle in Libertine enthaltenen Funktionen.